Gewerkschaften – Bollwerk der Menschenrechte oder Teil des Problems?

Was sind Gewerkschaften?

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Schaut man sich Organisationen an, die sich gegen den globalen Turbokapitalismus zu stemmen scheinen, fallen die Gewerkschaften als ambivalente Akteure auf. Gewerkschaften als Arbeitnehmervertretungen sind natürlich primär ihren Mitgliedern verpflichtet. Mitglieder von Gewerkschaften sind Menschen in abhängigen Arbeitsverhältnissen, die ihre Interessen gegenüber den Besitzern der Produktionsmittel vertreten wissen möchten. Ansprüche dieser Art können gerechte Löhne, humane Arbeitsbedingungen, Absicherung des Arbeitsplatzes oder für Alter und Krankheit aber auch Mitsprache und Mitbestimmung sein. Gewerkschaften sind ein notwendiges Gegengewicht zu den Interessen der Kapitalbesitzer

 

Gewerkschaften sind Bestandteile der Arbeitsgesellschaft

Damit stehen Gewerkschaften in einer ganz engen Verbindung zur Arbeitsgesellschaft: die Lohnarbeit gibt ihnen Daseinsberechtigung und -zweck. Ohne Lohnarbeit macht eine Gewerkschaft keinen Sinn, verliert ihre Existenzberechtigung. Natürlich kümmert man sich – häufig sehr engagiert – auch um arbeitslos gewordene Mitglieder, hilft Ihnen bei Behördenproblemen. Allerdings ist Dreh- und Angelpunkt auch der gewerkschaftlichen Hilfe, den Arbeitslosen wieder in Arbeit zu bringen. Arbeit definiert den Lebenssinn, diesen wieder zu gewinnen wird angestrebt.
Versagen müssen Gewerkschaften dabei im Bereich der individuellen Hilfe, wenn einfach kein angemessener Arbeitsplattzz zu finden ist, wie auch im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Durch Rationalisierung baut sich die Arbeitsgesellschaft ab, immer weniger Arbeit muss für immer mehr Menschen reichen. Das drückt Löhne und Arbeitsbedingungen.

 

Die Post-Arbeitsgesellschaft

dscf6960_500Die Abnahme der Erwerbsarbeit ist eine Zäsur, ein tiefgreifender Wandel der menschlichen Gesellschaft. Utopisten der 20er bis 60er Jahre träumten von Gesellschaften, in denen wohlhabende Menschen entweder gar nicht mehr oder höchsten zwei bis drei Stunden am Tag zu arbeiten hätten. Die übrige Zeit stünde der Entfaltung der Persönlichkeit, der Kunst und der Unterhaltung zur Verfügung. Spätestens im Jahre 2000 sollte es soweit sein. Nun haben wir schon mehr als ein Dutzend Jahre diese magischen Jahrtausends hinter uns, aber von der wohlhabenden Post-Arbeitsgesellschaft ist eben so wenig zu sehen wie von anderen utopischen Verheissungen wie unbegrenzte günstige Energie oder Kolonien auf dem Mars und Bergbau im Asteroidengürtel. Trotzdem nimmt die Erwerbsarbeit ab. Da aber immer mehr Menschen trotzdem darauf angewiesen sind, fällt der Preis. Man braucht aber ein bestimmtes Mindesteinkommen, also muss man bei fallenden Löhnen mehr arbeiten. Das versperrt wieder einem anderen den Zugang. Ein Teufelskreis für all die, die bei nicht existenzsichernden Löhnen versuchen, nicht vom Rand der Gesellschaft abzurutschen, und eine Katastrophe für all die, die schon abgerutscht sind. Wer Arbeit als notwendige Sinnstiftung, als einzigen Lebensinhalt sieht, sieht sich einem aussichtslosen Kampf um eine verschwindende Ressource gegenüber.

So geht es auch den Gewerkschaften. Im Verteilungskampf werden ihnen gegen vage Zugeständnisse immer weitere Zumutungen abgepresst, und im Bestreben, das Schlimmste zu verhindern, werden von den Vorgenerationen blutig erkämpfte Rechte aufgegeben oder verwässert. Gewerkschaften können allenfalls abmildern, haben jedoch nicht die Kraft, wirklich etwas gegen die Veränderungen zu setzen. Schlimmer noch: da ihre ureigene Existenz an die Existenz der Arbeitsgesellschaft gebunden ist und die Idee der Erwerbsarbeit als Sinnstiftung elementarer Bestandteil ihres Kontextes ist, tragen Gewerkschaften zur Erhaltung und gesellschaftlicher Akzeptanz des immer unmenschlicher werdenden Systems bei.

 

Gewerkschaften als konservierende Institutionen

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Lohnkürzung und Arbeitszeitverlängerung? Die Gewerkschaften haben doch zugestimmt. Die Entwicklung wird in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als unvermeidlich, alternativlos wahrgenommen. Jedes Rückzugsgefecht schwächt dabei die Position weiter, daran, einmal aufgegebenes Terrain wieder zurück zu holen, glaubt selbst der optimistischste Gewerkschafter nicht mehr. Handlanger und Komplize, das ist die Rolle, die den Gewerkschaften zugedacht wird und die sie akzeptieren, um damit ihren Macht- und Bedeutungsverlust zu kaschieren.

So passiert es dann, dass Gewerkschafter, die sich mit Menschen solidarisieren, die die Opferbestrafung der HartzIV-Gesetzgebung nicht mehr hinnehmen wollen, zurückgepfiffen werden von Gewerkschaftern, die die Pfründe derer verteidigen, die gerade diese Sanktionen verhängen dürfen. So passiert es, das Gewerkschaften das Interesse an gesamtgesellschaftlichen Lösungen verlieren, um ihre Klientel bei ihren Gefechten um die Reste der Arbeitsgesellschaft zu unterstützen. So passiert es, dass Gewerkschaften die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ablehnen.

 

Fazit

Gewerkschaften sind Vehikel des 19. Jahrhunderts. Dort hatten sie ihre Momente. Heute könnten sie vieles leisten, wenn sie von ihrer Rolle als Verteidiger der Arbeitsgesellschaft abliessen und zu wahren Verteidigern des menschenwürdigen Lebens würden. Dazu müssten sie aber die Sinnfrage neu stellen und Antworten jenseits der Erwerbsarbeit finden.