Zeitungslesen im digitalen Zeitalter

Money for nothing …

Ich hadere seit geraumer Zeit mit der Presse. Leistungsschutzrecht, Paywalls und ähnlicher Unfug versuchen, ein Geschäftsmodell zu retten, wo es keine Rettung gibt. Natürlich muss Journalismus finaziert werden, ich möchte durchaus für Inhalte bezahlen. Aber bitte nicht so …

Wozu eine Tageszeitung abonnieren, wenn die ganze Vielfalt der Presselandschaft nur einen Mausklick entfernt ist? Wozu Papier oder E-Paper bezahlen, wenn ich nur Zeit oder Interesse für einzelne Artikel habe? Was bitte soll ich mit dem Sportteil – Sport ist was Schönes, wenn man welchen treibt. Anderen dabei zusehen und dafür noch bezahlen erscheint mir voyeuristisch, auf der gleichen Ebene wie anderen beim Sex zuzusehen. Aber ich schweife ab. Zurück zur Presse …

Das etablierte Modell sah vor, dass man sich auf den Anbieter seines Vertrauens verließ und sich täglich die von ihm kuratierte Nachrichtenauswahl konsumierte oder eben liegen lies. Man kann sich gegebenenfalls am Kiosk auch noch eine andere Zeitung  dazu kaufen oder ein Magazin.

Das funktioniert nicht mehr – ein Teil der Nachrichten ist veraltet, muss revidiert oder ergänzt werden, eine Menge ist für mich uninteressant. Newsseiten füllen das nur teilweise auf, Blogs beackern ein etwas anderes Feld. Im digitalen werden diese Verkaufsformen nun auch angeboten. Mir kommt das vor, als müsste ich mich in der Bäckerei entscheiden, ob ich jeden Tag  5 Brötchen oder einmalig ein Brot, zwei Brötchen, ein Croissant und ein süßes Teilchen möchte. Ich kann nicht einfach einmal ein süßes Teilchen oder ein Brötchen kaufen, auch nicht die Croissants vom Bäcker gegenüber (dessen Brötchen schlechter, Croissants aber besser sind).  Wenn ich das doch tue, werden die Enten fett von nicht gegessenem Gebäck …

 

That aint workin …

Ich habe im letzten Jahr Krautreporter mitgecrowdfundet, nur um dieses Jahr feststellen zu müssen, dass man nach einem Jahr, in dem nicht alles wunschgemäß gelaufen ist, ein Magazin mit Paywall daraus macht. Wieder muss ich die Bäckerei kaufen, oder bekomme von vernetzten Mitgliedern eventuell zeitlich begrenzten (welch ein Irrsinn! Ich will lesen, wenn ich Zeit dafür habe, nicht im Akkord, bevor der Link abläuft) Zugang zu von ihnen goutierten einzelnen Artikeln. Teasert mich irgendetwas auf der Krautreporter-Seite an, muss ich kaufen oder verzichten – alles oder nichts. Damit ist Krautreporter auf dem Vermarktungsniveau eines Printmagazins am Bahnhofskiosks. Folglich gibts von mir da auch kein Geld mehr, ich bin raus.

Eine Alternative bietet CORRECT!V – dort  kann man frei lesen, oder bekommt als Mitglied Benefits. CORRECT!V versteht sich als Plattform für investigative Recherchen. Leider ist das doppelt so teuer im Jahr wie Krautreporter, und es ist immer noch die ganze Bäckerei.

 

… chicks for free

Nun bin ich die letzten Tage über einen charmanten Webdienst gestolpert: Blendle bietet eine Auswahl an Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen (welche man Schritt für Schritt vergrößern möchte), in denen man stöbern und einzelne Artikel kaufen kann. Daneben gibt es eine thematische Sortierung, so dass man quer über das Angebot nach interessanten Themen suchen kann, und sogar die Möglichkeit, eigene Stichworte zu vergeben – tauchen die thematisch auf, findet man die entsprechenden Artikel in einer eigenen Übersicht. Das ganze funktioniert im Browser und als (sehr schöne) App für Android oder IOS, so dass man auch mobil lesen kann. Die Artikel werden mit Preisangabe angeteasert (ich habe Artikel von 25 bis 79 ¢ wahrgenommen) , klickt man sie an, werden sie gekauft. Man kann Artikel bei Fehlklicken und sogar bei Nichtgefallen zurück geben und bekommt dann sofort das Geld wieder gut geschrieben. Für die Registrierung erhält man ein Startguthaben von 2,50 €, nochmal 2,50 € gibt es bei der ersten Aufladung des Kontos. Kauft man eine Ausgabe einer Zeitung, werden bereits gekaufte Artikel vom Preis der Ausgabe abgezogen – man bezahlt also genau einmal genau für das, was man lesen möchte.  FDunktionen für das Teilen in Social Media, eine freiwillige Verknüpfung mit Twitter und/ oder Facebook runden das Angebot ab.

Insgesamt kommt Blendle dem, was ich mir vorstelle, schon sehr nahe – wenn nun noch mehr Zeitungen und Zeitschriften mitmachen würden, wäre der Nutzen noch größer, Ich teste das jedenfalls mal eine Zeit lang, und wenn ich merke, dass ich es regelmäßig nutze, bleibe ich dabei …

1 Gedanke zu „Zeitungslesen im digitalen Zeitalter

  1. Aus deiner Sicht kann ich das nachvollziehen, aber auf der Seite des Anbieters funktioniert das so nicht. Du gehörst ja immerhin noch zu denen, die die Waren des Bäckers grundsätzlich bezahlen und nicht geschenkt haben wollen. Das sieht ja längst nicht jeder so, der umgekehrt natürlich nicht akzeptieren würde, dass man seine Arbeit umsonst geleistet haben möchte.

    Aber natürlich funktioniert das Verlagsgeschäft auch nur in Teilen wie eine Bäckerei.
    Der große Vorteil des täglichen Presse-Gemischtwarenladens ist ja, dass damit eine viel größere Zielgruppe angesprochen wird als mit einem monothematischen Produkt. Natürlich interessieren sich die wenigsten für jeden Bericht darin, auch ich nicht. Doch weil jeder darin etwas für sich findet, gibt es die große Leserbasis (die zugleich die wirtschaftliche Basis des Verlags ist). Bei der Bäckerei entspricht das dem breiten Sortiment, aus dem du dir jeden Tag etwas aussuchen kannst, so viel, bis du satt bist. An manchen Tagen hast du aber auch auf gar nichts aus dem Bäckerladen Lust, weil es trocken oder fantasielos ist oder die Croissants an dem Tag aus sind.

    Wenn sich Dienste wie Blendle durchsetzen (die natürlich sehr komfortabel und verführerisch sind), funktioniert aber die Kalkulation der Bäcker nicht mehr, weil sie nicht wissen können, welche Rosinen aus dem Angebot gerade an diesem Tag gepickt werden. Den Rest produziert der Bäcker dann für die Tonne, und die bei Blendle gekauften Stückchen fangen diesen Verlust nicht auf. Die Mischkalkulation funktioniert nicht mehr. Also wird der Bäcker alles daran setzen, zu verstehen, welches Erzeugnis bei Blendle ganz sicher gekauft wird. Und er wird dort bald nur noch die Art Backware hinliefern, die garantiert genommen wird, sicher aber nicht mehr das ganze Sortiment ins Schaufenster stellen.

    Für dich mag das gar nicht so schlimm sein, weil du ja die Auswahl der besten Stücke von anderen Bäckern noch daneben im Regal hast. Von dem Zeitpunkt an ist aber absehbar, dass viele Bäcker nur noch mit einem Minimum an Angestellten arbeiten werden (müssen) und sich auf möglichst einfache, wirtschaftliche Rezepte verlegen. Das wiederum schlägt sich in der Qualität und dem Angebot nieder. Und am Ende wird nichts übrig bleiben, als beim Backautomat von Aldi oder Lidl ins Fach zu greifen.

    Ich weiß, das ist etwas überspitzt, aber so wird es kommen, wenn die Kunden die Mischkalkulation, die einer Zeitung oder Zeitschrift zugrundeliegt, nicht mehr akzeptieren wollen.

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