Der Verlust der Netzkultur und der Neugier

Opa erz√§hlt vom Krieg? ūüėČ

Als ich mit Computer anfing, gab es noch kein Internet. DF√ú war was f√ľr Leute mit eigenem Einkommen (oder Eltern, die nicht neben dem Telefon gestoppt haben, wie lange man telefonierte). Der gebrauchte, in eine Zigarrenkiste mit Plastiktastatur eingebaute ZX Spectrum wurde an den kleinen Schwarzweissfernseher angeklemmt, Software gabs auf Compactcassette, Microdrive (wenn da was Lesbares r√ľberkam) oder eben zum Abtippen aus Zeitschriften. Spielerei das Ganze, die Freude, den Kram zum Laufen zu bringen oder ein kleines Programm erfolgreich zu schreiben, tr√∂stete √ľber die grunds√§tzliche Nutzlosigkeit des Ger√§tes hinweg. Computer waren eben die Zukunft, deshalb musste man sich damit besch√§ftigen. “Richtige” Computer waren jenseits des Finanzierbaren, wer einen C64 mit Farbfernseher hatte, war K√∂nig. Das Ding verschwand dann auch in der Ecke, als Abitur und der Ernst des Lebens mehr Zeit forderten.

Schreibmaschine
Schreibmaschine

Einen zweiten Start gabs dann erst an der Uni. Nach dem Grundstudium war ich es leid, Hausarbeiten auf der mechanischen Schreibmaschine zu tippen, die mein Vater in den 70er Jahren zur Erledigung seiner Gesch√§ftspost ¬†angeschafft hatte und die ich zu Beginn des Studiums √ľbernahm, da ich sie n√∂tiger als er ¬†brauchte. Ich schrieb damals schon gerne per copy & paste – Text tippen, auseinanderschneiden und in neuer Ordnung wieder aufkleben, endg√ľltige Form dann nochmals abtippen. Eine m√ľhselige Geschichte, langweilige Routine, Frustration, wenn ein Fehler in der vorletzten Zeile ein erneutes Tippen der gesamten Seite erforderte. Ein gebrauchter XT-PC wurde vom Ersparten der letzten Semesterferienjobs angeschafft, mit einem MB Hauptspeicher, 20 MB Festplatte, DOS und einem Farbmonitor. Dazu ein 24-Nadel-Drucker. Das Ganze zu einem Preis, f√ľr den man jetzt ein schickes Ultrabook bek√§me. Damit dachte ich, ger√ľstet zu sein. Der Rechner leistet auch gute Dienste als komfortable Schreibmaschine, die N√§chte geh√∂rten Sid Meiers Civilization (dessen Open Source-Inkarnation FreeCiv ich immer noch auf meine Linuxkisten installiere und gelegentlich gerne spiele), und das Ganze wurde nach und nach ausgebaut, erweitert, irgendwann gabs dann einen 486er mit Windows 3.1, dann bot die Uni Internetzugang nicht nur √ľber ihren PC-Pool an, sondern zum Ortstarif per Modem. Also wurde ein aktueller PC mit Windows 95 beschafft, dazu ein 56k-Modem und damit ging es dann auf die Datenautobahn …

 

Eine neue Welt

Spam
Spam

Das Netz war eine komplett neue Welt, zu dieser Zeit noch sehr akademisch gepr√§gt. Von Neuank√∂mmlingen wurde erwartet, dass sie sich zun√§chst mit Technik und Kultur vetraut machen, bevor sie aktiv werden. Vieles musste man nachlesen und verstehen, sich selbst erschlie√üen. Man bekam Hilfen, Anregungen und Tipps, aber lesen und verstehen wurde von einem erwartet. Brachte man die Bereitschaft dazu mit, war man willkommen und geh√∂rte bald selbst zu den “Eingeweihten”. Neugier und die Bereitschaft, zu lernen, sich in fremdes Gebiet einzuarbeiten, war die Grundtugend des Netzes. Auch die Kultur des Netzes musste erschlossen werden, wollte man nicht anecken. Man musste sich wie in einem fremden Kulturkreis bewegen, lernen, wo man eine Kopfbedeckung tragen muss und wo man das nicht tun darf oder wo die Schuhe auszuziehen sind, wollte man erfolgreich unterwegs sein.

Das hat sich in den letzten Jahren grunds√§tzlich und nachdr√ľcklich ge√§ndert. Man muss nichts mehr daf√ľr tun, reinzukommen, man frickelt nicht mehr an Modemscripten rum oder muss die Kiste √ľberhaupt erstmal irgendwie netzwerkf√§hig machen. Der Computer ist der neue Fernseher. Einschalten und drin sein. Das ist zum Teil gut – man kann sich auf die Sachen konzentrieren, die man eigentlich wissen m√∂chte, kann st√∂bern, suchen und basteln, ohne dass man erstmal ein st√∂rrisches Ger√§t zum Funktionieren bringen muss.

 

Alle sind drin …

Mpf!Nicht so gut ist, dass dabei die Kultur des Netzes zerst√∂rt wurde. Jeder kann ohne Schwierigkeiten sofort loslabern. Das Medium schafft eine Distanz, die viele vergessen l√§sst, dass am anderen Ende der Leitung auch wieder Menschen sitzen, denen man H√∂flichkeit und Respekt schuldet. Allein schon daf√ľr, dass sie sich Zeit nehmen, mit einem zu reden, sich die Probleme und Fragen anzuh√∂ren, ihre Zeit zu opfern. Lebenszeit ist das Kostbarste, was man seinen Mitmenschen geben kann. Und man redet eben nicht mit einer doofen Maschine, sondern einem Menschen. Und zwar einem, der gerade seine kostbare Lebenszeit f√ľr das opfert, was man von ihm will. Diesen gegenseitigen Respekt vermisse ich heute im Netz. Damit einher geht, dass man sich nicht mehr selbst um die L√∂sung eines Problemes bem√ľht, nicht nachschaut, ob schon andere mit dem gleichen Problem eine L√∂sung gefunden haben oder eine L√∂sung in Arbeit ist. Viele interessiert auch nicht mehr, womit sie arbeiten. Es soll funktionieren, basta.

It*s my life!
It*s my life!

Das ist im Prinzip in Ordnung, aber wenn ich unentgeltlich die Hilfe meiner Mitmenschen in Anspruch nehme, ist nicht zu viel verlangt, dass ich mich erst einmal selbst darum bem√ľhe, eine L√∂sung zu finden. Oder ich bezahle eben jemanden, der sich darum k√ľmmert. Dann muss ich selbst nichts dazu tun und lerne auch nichts. Viele wollen da nichts lernen. Ok, aber wenn ich Auto fahren will, muss ich bestimmte Dinge wissen und bestimmte andere Dinge beherrschen. Im Netz sollte ich auch wissen, was ich tue – viele wissen das offensichtlich nicht. Ich erwarte ein gewisses Interesse von meinen Mitsurfern.

Viele der Menschen, die mit mir oder noch fr√ľher ins Netz aufgebrochen sind, sind nun ausgewiesene Experten in Netzwerk- oder PC-Technik, programmieren inzwischen oder tun andere kreative Dinge mit der wunderbaren Maschine, die inzwischen jedem verf√ľgbar ist. Andere schaffen es gerade einmal, einzukaufen und sich dabei noch – im √ľbertragenen Sinne – die Geldb√∂rse stehlen zu lassen, weil sie nicht bereit waren zu lernen, dass es auch im Netz sichere und weniger sichere Orte gibt, ganz so wie in unserer realen Welt auch. Welche Personen haben mehr von der Technik, welchen bereichert es ihr Leben? Ich w√ľnsche mir mehr Neugierige …

3 Gedanken zu „Der Verlust der Netzkultur und der Neugier

  1. Da kann man nur eins zu sagen: TREFFEND!
    Naja und das auch noch: PR√ĄGNANT!
    Und weil ich kein Ende kriegen kann: Irgendwoher kenne ich diesen Verlauf. Seit mein C64 nach dem Abi in der Ecke lag, ging es ziemlich genau so weiter wie geschildert und durfte ich genau diese Dinge erleben.

  2. Wahre Worte, die du schreibst. Aber sieh es doch mal von der positiven Seite. Die Entwicklung des Internets hat auch dazu gef√ľhrt, dass wir hier offen sitzen und uns unterhalten k√∂nnen. Die Kommunikation ist deutlich in den Vordergrund ger√ľckt und ich finde das gut.

    Allerdings muss ich dir zustimmen, dass viel zu viele Leute vergessen, dass sie mit ihren Worten auch verletzen k√∂nnen. Im wahren Leben w√ľrden wir nie mit einer anderen Person so umgehen, wie wir es im Netz zum Teil tun. Der Respekt und vor allem die H√∂fflichkeit sollten hier oberstes Gebot haben.

  3. Wie sich die Geschichten der Mittelalten Leute doch alle √§hneln, auch bei mir war es Sid Meier der mein Interesse an Spielen geweckt hat. Immer mit dem Fortschritt im Fokus. Wer diese Zeiten, rund um Mailboxen, Nullmodems usw. der wird sich ewig daran erinnern. Freuen wir uns auf die Zukunft und warten ab, wenn man √ľber den Desktop von “Damals ” redet.

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